Vom Verlusst

Ich erinnere mich noch ganz genau. Es war in der Zeit meiner Pubertät, sofern ich sie schon hinter mir habe. Ich muss zwischen 13 und 15 gewesen sein und es war gerade Dezember geworden, der Advent hatte begonnen. Mutter hatte die Wohnung geschmückt, ich hatte sogar noch einen Adventskalender bekommen, draußen wurde es kalt und dunkel, Abends brannte des Öfteren eine Kerze. Ich kannte das Gefühl, was sich spätestens mit dem Öffnen des ersten Türchen im Kalender einstellte. Es war getragen von solch kitschigen Dingen wie Kerzen, Märchen, Plätzchen und all dem was man als Kind eben so liebt an der Weihnachtszeit. Es war ein so wohliges Gefühl, trotz der Kälte und der Härte, die sich in der Natur abspielte, es warm und schön zu haben. Im Nachhinein würde ich sagen wurde es um so schöner durch die winterliche Rohheit. Es war die Gewissheit des Sieges über die Natur. Unter anderem, selbstverständlich. Es war die Gewissheit der Richtigkeit der Dinge, der Liebe die unvermeidbar über alles siegt, das urchristliche Versprechen, welche selbst dann noch stand, wenn man von Unicef und anderen Organisationen daran erinnert wurde, dass das Gegenteil der Fall ist. Für 5€ Spende konnte man das kurz aufblitzende Stechen im Herzen loswerden. In der Zeit des Advents war wieder Ordnung hergestellt in dem kindlichen Herzen, dass die Unordentliche Welt durch den Schleier der Kinderstube doch immer deutlicher wahrnahm.

Doch diesen Winter sollte das Gefühl ausbleiben. Es kam nicht. Am Anfang dachte ich, es käme dann schon mit der Zeit, ich müsse nur bis zu Hälfte der Türchen warten. Es blieb aus. Dann dachte ich, ich muss es selbst herbeibringen, etwas dafür tun. Also begann ich krampfhaft, das eigene Zimmer aufzuräumen, zu dekorieren, mit Kerzen zu beleuchten, alles in Geschenkpapier einzuhüllen, Räucherstäbchen, Musik, Tagebuch, Märchenbuch… Nichts. Es blieb kalt. Ein paar lustlose Versuche folgten, ich beschenkte erst andere, dann mich selbst, Nichts sollte helfen. Mir wurde bewusst was passiert war. Die kalte, vernünftige Welt, gegen die ich mich mit Kerzen im Fenster zu schützen versuchte war nichts äußerliches, nichts was auf mich einwirkte und was ich aus der eigenen Wohnung fern halten konnte. Sie kam aus mir selbst und ich selbst verbat mir die adventlichen Gefühle, mittels der kalten Hand der Vernunft. Die heile Welt der Vorweihnachtszeit war dahin, unwiederbringbar in die Erinnerung entglitten. Ich weinte bitterlich, als ich das verstand und verbat mir dann noch die Tränen selbst. Es war eine grauenhafte Zeit in der mich alle Kerzen und Dekorationen nur daran erinnerten, was verloren war, was nicht war.

Jetzt kriege ich jedesmal Angst, wenn sich das Jahr dem Ende neigt. Weil die Schlechtheit der Welt nur noch lauter schreit, wenn alles versucht sie mit Glitzer und Kerzen zu überdecken. Dann freue ich mich, wenn der Baum endlich aus der Wohnung und der Schmuck endlich weg ist, weile eine kalte Wohnung zumindest der Kälte in mir keinen Vorwurf mehr macht.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.